Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich als Kind eine Eins nach Hause brachte, haben meine Eltern mir zwei Mark gezahlt. Ich habe mich später oft gefragt, was ich eigentlich von dieser Geld-Pädagogik halten soll. Eine Studie aus dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), gerade erschienen in der American Sociological Review, gibt jetzt interessante Anhaltspunkte.

Ein internationales Forscherteam hat 1.360 Fünftklässlern aus Madrid und Berlin Aufgaben vorgelegt, die "simpel, aber anstrengend" gewesen seien. Mit anderen Worten: Fleißarbeit. Und dann haben sie ausgewertet, wie engagiert die Schülerinnen und Schüler zur Lösung schritten. Einmal ohne dass ihnen eine Belohnung versprochen wurde und einmal unter Ankündigung kleiner Geschenke für richtige Antworten. In einem dritten Szenario schließlich wurde ein Wettbewerb daraus gemacht, mit Geschenk und einer Art Siegerehrung.

Das Ergebnis: Gab es keine Belohnung, strengten sich Kinder aus privilegierten Familien stärker an. Wurden aber Spielzeuge ausgereicht oder die erfolgreiche Bearbeitung einer Aufgabe gar vor der Gruppe anerkennend herausgestellt, nivellierte sich der Unterschied zum großen Teil. Plötzlich hängten sich die Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern fast genauso stark rein. Ebenso spannend: Die Effekte unterschieden sich nicht zwischen Jungen und Mädchen.

Was wir "intrinsische Motivation" nennen, ist also kein naturgegebenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern sozial geprägt. Wer zu Hause Unterstützung, Ermutigung und Erfolgserwartung erfährt, entwickelt eher die Fähigkeit, sich auch ohne äußeren Anreiz durchzubeißen. In Teilen des Bildungsbürgertums herrscht indes immer noch das Ideal der Anstrengung um der Anstrengung willen vor, intrinsische Motivation gehe vor extrinsischer Motivation.

Doch aus der Studie ergeben sich Möglichkeiten für Schulen, die sich nutzen lassen. Studienleiter Jonas Radl, Soziologe an der Universidad Carlos III de Madrid und Gastforschungsprofessor am WZB, spricht gar von einer "politischen Dimension": "Bildungschancen könnten gerechter gemacht werden, wenn nicht nur Leistung, sondern auch individuelle Fortschritte im Klassenraum prämiert würden."

Den Prozess feiern anstatt allein das Ergebnis. Nicht allein die beste Leistung herausstellen, sondern die Anstrengung, die Selbstüberwindung. Die sprichwörtlichen Fleißsternchen sind keine Bestechung, sondern funktionieren, das wissen viele Schulpraktiker schon lange. Und weil Belohnungen und Anerkennung helfen, die soziale Kluft bei den Bildungschancen zu verringern, tun erfolgreiche Schulen es eben nicht als Selbstverständlichkeit ab, wenn ihre Schülerinnen und Schüler sich anstrengen.

Da meine Eltern beide Akademiker waren, war die Zwei-Mark-Belohnung also womöglich gar nicht effektiv. Aber genommen habe ich das Geld trotzdem gern.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre dieses Newsletters.

Ihr Jan-Martin Wiarda

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